Yam - Das verlorene Land

Die genaue Lokalisierung des in ägyptischen Quellen erwähnten Landes Yam ist eines der ungelösten Probleme der Ägyptologie und historischen Geographie Ostafrikas. Während bisher die Mehrheit der Wissenschaftler, auch mangels guter Alternativen, eine Lokalisierung im Niltal jenseits Nubiens befürwortete, lassen jüngere archäologische Erkenntnisse die Theorie einer Verortung in der heutigen Westwüste Nubiens zunehmend plausibel erscheinen. Die zunehmende Erforschung dieser heute hyperariden und schwer zugänglichen Region zeigt das dort noch bis weit in die Bronzezeit hinein eine größere Anzahl heute verschwundener Oasen und von Hirtennomaden nutzbarer Gunsträume existierten. 

Yam

 

Die meisten Erwähnungen Yams stammen aus dem Alten Reich und geben wenig Anhaltspunkte zu dessen genauer geographischer Lage, außer das es zu den Südländern jenseits Assuans gehörte. Yam war Herkunftsort typisch Afrikanischer, aber wenig spezifischer Waren und Quelle für Söldner und Arbeitskräfte.

 

Die wichtigste Quelle zur Lokalisierung vom Yam sind die autobiographischen Texte aus dem Grab des Beamten Harkhuf, welcher im Laufe seiner Karriere in der Mitte des 23. Jahrhunderts v. Chr. mit mehreren Handelsexpeditionen nach Yam beauftragt war. In ihnen beschreibt er vier Reisen von jeweils 6 – 8 Monaten Dauer. Yam konnte danach auf mehren Wegen erreicht werden. Die Hinreisen erfolgten durch die Westwüste, entweder über den Elphantineweg, ausgehend von der gleichnamigen Stadt, dem altägyptischen Abu beim heutigen Assuan, oder über den Oasenweg, welcher im 8. oberägyptischen Gau begann. Die Rückreisen wählte er jeweils Routen nahe oder durch das Niltal. Harkhufs Karawanen bestanden dabei aus etwa 300 Eseln.

Da die Einführung des Kamels in Ägypten erst in persischer Zeit erfolgte, waren die logistische Herausforderung von Wüstenreisen noch ungleich größer, was sich möglicherweise auch auf die gewählten Strecken für beide Teile einer Reise ausschlug. Das Gleiche gilt für die Herdentiere der Wüstennomaden jener Epoche, bei welche es sich primär um Ziegen und Schafen handelte. Diese konnten bereits besser im trockeneren Klima gedeihen als die zuvor dominanten Rinder, ware aber doch wesentlich anspruchsvoller als Dromedare.

 

Die von Harkhuf genannten Reisedauern erlauben es Yam im weitem Umfeld Südägyptens zu platzieren. Dementsprechend zahlreich sind die auf verschiedenen Plausibilitätsüberlegungen aufbauenden Vorschläge. Dazu gehören das Ennedi Massiv und sein Umfeld im Norden des heutigen Tschads, Dafur, Yam als Bezeichnung für den frühen Kerma Staat im südlichen Nubien oder für das Land Irem aus späteren Quellen des Neuen Reichs, welches in der Butana, dem Gebiet um das spätere Meroe anzusiedeln ist.

 

Eher indirekter Natur für die Lokalisierung Yam sind Berichte über Arbeiter von dort, welche neben solchen von anderen Völkern der Umgebung bei Steinbruchvorhaben in Nubien beschäftigt wurden, oder Söldner aus Yam in der ägyptischen Armee. Diese lassen zumindest eine Nähe zum Niltal, zwecks praktikabler Anwerbung solcher Kräfte, vermuten.

 

Nach dem Mittleren Reich gibt es in den Quellen keine Belege mehr für direkte Kontakte zwischen Ägyptern und Menschen aus Yam, auch wenn Yam zumindest als Konzept weiterexistierte und noch in topographischen Listen des Neuen Reichs auftauchte. Das langsame verschwinden muß entweder dahingehend interpretiert werden das Yam, bei einer Verortung im Niltal, in einem später bezeugten Land wie Kush oder Irem aufging, bzw. es durch das austrocknen der Ostsahara nicht mehr für die Ägypter erreichbar wurde oder Yam selbst von seinen Bewohnern aufgegeben werden musste.

Ausschnitt meiner sich in Arbeit befindenden großen Wandkarte

"Die Welt der Bronzezeit" mit den im Text erwähnten Orten. 

Der Abu Ballas Weg und die Oase Dachla

 

Auch Dachla und das benachbarte Kharga, welche in der Antike zusammen die sogenannte große Oase bildeten, galten einst als möglicher Ort Yams. Jedoch bereiteten die Funde substanzieller pharaonischer Überreste aus dem Alten Reich seit dem Ende der 1970iger Jahre dieser Theorie ein Ende. 

Wichtigster bronzezeitlicher Fundort in der Oase Dachla ist die etwa 2400 v. Chr. erbaute Festung am Fundort Balat/Ain Asyl und ihr Umfeld (Rekonstruktion von Jean Claude Golvin). Der Ort entwickelte sich noch während des Alten Reichs von einem ägyptischen Außenposten zur Stadt und Gouverneursresidenz. Von dort aus wurde die Erkundung und Ausbeutung der Ressourcen der Westwüste koordiniert, wovon sowohl epigrafische Zeugnisse als auch Funde dort produzierter Keramik entlang der Wüstenrouten berichten.

Die spektakulärste dieser Routen ist der sogenannte Abu Ballas Weg, benannt nach einem großen Wasserdepot mit hunderten Tonkrügen an einem freistehenden Felsen im Zentrum der Strecke. Während dieses Depot bereits 1918 bzw. 1923 beschrieben wurde, konnten seit der letzten Jahrtausendwende weitere entdeckt werden, welche planvoll in regelmäßigen Abständen entlang einer direkten Linie zwischen Dachla und dem Gilf el-Kebir angelegt waren. Dieses System von Dachla aus befüllter Versorgungsstellen erlaubte es Eselskarawanen die wasserlose Wüstenstrecke von etwa 400 km zu überbrücken.

Die Analyse der dort gefundenen Keramik zeigte das der Abu Ballas Weg vor allem während des späten Alten Reichs und der ersten Zwischenzeit genutzt wurde. Während des Neuen Reichs wurde die Strecke zumindest kurzzeitig reaktiviert. Auch später, aus der römischen Epoche, finden sich wieder Spuren von sich entlang des Weges bewegenden Gruppen, wobei die mittlerweile erfolgte Verbreitung des Kamels in Ägypten und Nordafrika weit bessere Möglichkeiten zur Überwindung längerer wasserloser Strecken bot.

Das Gilf el-Kebir

 

Der Abu Ballas Weg endet am Gilf el-Kebir, das letzte Depot wurde kurz vor dem Gebirge entdeckt. Das Gilf el-Kebir und die sich dort befindende Höhle der Schwimmer gelangten durch Roman und Film „Der englische Patient“ zu einiger Berühmtheit. Als die umliegenden Gegenden austrockneten wurde die Berge des zum Rückzugsraum für Flora und Fauna. Keramikfunde belegen eine dauerhafte menschliche Besiedlung bis etwa 2700 v. Chr. Als das, den großen logistischen Aufwand rechtfertigende, Ziel der ägyptischen Karawanen kommt das bereits karge und verlassene Gebirge somit kaum in Betracht. Allerdings ist für die pharaonische Zeit noch von hinreichenden Wasservorkommen auszugehen, um zumindest durchziehende Eselskarawanen versorgen zu können, so dass ab hier keine weiteren aufwendig zu pflegenden Wasserdepots mehr notwendig sind. Ausgehend vom Gilf el-Kebir kommen zwei Richtungen zur Fortsetzung der Reise in Frage. Nach Westen zu den Kufra Oasen oder weiter in südwestlicher Richtung zum Jebel Uweinat.

Jebel Uweinat

 

In direkter Verlängerung des Abu Ballas Weges über das Gilf el-Kebir hinaus liegt der Jebel Uweinat (arab. Berg der Quellen). 2007 wurde dort eine hieroglyphische Inschrift aus der frühen 11. Dynastie entdeckt welche den Güteraustausch zwischen Ägyptern und Vertretern der Länder Tekhebet und Yam zelebriert. Der Berg muß somit vom Yam aus mit den damaligen Mitteln zu Handelszwecken hinreichend gut erreichbar gewesen sein. Diese sehr weit westlich des Niltals liegende Inschrift mit einem konkreten Hinweis auf die Lage Yams belebte folgerichtig auch die Diskussion über dessen Lokalisierung ungemein.

Die Felsstruktur des Berges kann nach sporadischen Regenfällen des Wasser für einige Zeit speichern. Somit können nach feuchteren Jahren die Quellen des Jebel Uweinat selbst noch in heutiger Zeit die ganzjährige Anwesenheit einer menschlichen Bevölkerung ermöglichen, wie es zuletzt für nomadische Gruppen in den 1920iger Jahre dokumentiert ist. Die Region wurde folglich im Laufe der Geschichte immer wieder von menschlichen Gruppen aufgesucht und könnte in der Bronzezeit noch dauerhaft besiedelt gewesen sein. Sie kommt zur Lokalisierung des nur in der Jebel Uweinat Inschrift erwähnten Toponyms Tekhebet in Frage.

Ennedi Erg - Der westnubische Paläosee

 

Auf der Fläche des heutigen Ennedi Sandmeers, rund 300 km Luftlinie vom Jebel Uweinat entfernt, erstreckte sich einst an gewaltiger See, welcher in der Literatur als Westnubischer Paläosee, Ptolemäus-See oder Norddafur Megasee bezeichnet wird. Im Laufe seines rund 6000 jährigen Bestehens unterlag die Fläche des Sees, abhängig vom jeweils vorherrschenden Klima, großen Schwankungen. Schätzungen der maximalen Ausdehnung belaufen sich auf den Bereich zwischen 30000 und 5000 km². Die große Ausdehnung des Beckens und Erosion der jeweils jüngsten Sedimente erschweren die exakte Rekonstruktion seiner Geschichte. Zu Beginn der Bronzezeit bestand noch ein etwa 400 km² großer und 10 m tiefer Flachwassersee, entlang dessen ehemaligen südlichem Ufer sich zahlreiche Fundstätten mit den Spuren Fischfang betreibender Gemeinschaften fanden.

Mit dem zunehmend trockener werdenden Klima schrumpfte der See im Laufe des 3. Jahrtausends v. Chr. auf eine Gruppe kleinere Seen zusammen. Noch bis in das 2. Jahrtausend lassen sich dort Süßwasserflächen nachweisen, bis zum Ende des Jahrtausends waren jedoch spätestens die letzten Reste des einstigen Sees verschwunden. Die menschliche Besiedlung bricht dort etwa um das Jahr 1500 v. Chr. ab.

Auch im direkten Umfeld des einstigen Sees boten Teils noch heute existierende Oasen, teils heute völlig ausgetrocknete Wadis in der Bronzezeit noch günstige Lebensbedingungen.

Wadi Shawn und Wadi Hariq

 

Zwei davon sind die Wadis Shawn und Hariq. Im heute völlig ausgetrockneten Wadi Shawn zeugen die Reste von Brunnen und weiterer Spuren menschlicher Besiedlung das es sich dabei noch in der späten Bronzezeit um eine Oasenlandschaft handelte.

Auch das südlich gelegene Wadi Hariq konnte, trotz der zunehmenden Austrocknung, in dieser Zeit noch als saisonal aufgesuchter Weidegrund genutzt werden.

Als Grünes Band zieht sich auch heute noch das Obere Wadi Howar durch die Wüste. Das ehemalige

Bett des gelben Nils führt noch Grundwasser aus dem Norden Darfurs. Bild: Google Earth

Wadi Howar – Der gelbe Nil

 

Südlich das ehemaligen Sees liegt das etwa 1050 km lange Wadi Howar, welches das Niltal mit Darfur und dem Osten Tschads verbindet. Einst war dies das Bett des gelben Nils, eines heute verschwundenen Nil Zuflusses, welcher während der letzten Feuchtphase große Teile der heutigen Ostsahara entwässerte. Der fischreiche Fluß bot Menschen und Tieren an seinen Ufern optimale Lebensverhältnisse, wovon zahlreiche Funde zeugen. Mit dem beginnenden Übergang zu einem ariden Klima erreichte der gelbe Nil nicht mehr das Niltal, sondern verlor sich zunehmend in der Wüste. Aus dem Flusslauf entstand zunächst eine Kette von Seen, welche durch noch fallenden Regen und vom Wadi geführten Grundwasser gespeist wurden. Wie die Analyse von Fischknochen zeigt gab es in der frühen Bronzezeit noch zahlreiche Wasserflächen im mittleren Wadi, welche aber im Verlauf des 2. Jahrtausends v. Chr., bis etwa 1500 v. Chr. völlig verschwanden. Für einige Jahrhunderte konnte die Gegend noch als Weidegrund für die Herden nomadisierender Gruppen genutzt werden bevor sie etwa um 1100 v. Chr. für eine dauerhafte menschliche Besiedlung ungeeignet wurde. Im weiteren Verlauf der Antike blieb das Wadi Howar allerdings noch ein bedeutender Verkehrsweg ins Innere Afrikas, wovon die, den Zugang zum Niltal sichernde, Festung Gala Abu Ahmed aus kuschitischer Zeit zeugt. Noch heute ist das Grundwasser führende obere Wadi Howar als grünes Band in der Wüste erkennbar und kleine Wälder wachsen an seinen Lauf.

Die Ounianga Seen und das Ennedi Massiv

 

Westlich des Wadi Howar und das Paläosees sowie südwestlich des Jebel Uweinat liegt das auch heute noch besiedelte Ennedi Massiv, eine UNESCO Welterbe Stätte. In seinen Schluchten konnten sich Teile der präariden Fauna, unter anderem die letzten Krokodile und, bis ins 20. Jahrhundert hinein, auch die letzten Löwen der Sahara, bis in die Gegenwart halten. Insbesondere wieder nach Entdeckung der Inschrift am Jebel Uweinat wurde auch die Ennedi Region immer wieder, trotz ihrer großen Entfernung zum Niltal, als Kandidat für Yam ins Spiel gebracht. 

Etwas nördlich davon, in Richtung der Tibesti Berge beginnt mit der Oase Teguedei eine bemerkenswerter Seenkette. Auch die, ebenso zum UNESCO Welterbe gehörenden, Seen von Ounianga sind mit ihren einzigartigen Ökosystemen eines der wenigen Überbleibsel der einstigen Savannenlandschaft, welche selbst in unserer Zeit noch Fischen einen Lebensraum bieten. Wie ein Fenster zur Vergangenheit zeigen sie dem modernen Betrachter wie das Leben auch noch in historischen Zeiten in weiteren Teilen der Sahara aussah.

Die westliche Gruppe der Seen von Ounianga Kebir. Bild: Google Earth

Yam – Von der Wüste verschluckt?

 

Schlussfolgernd erscheint die Theorie der Lokalisierung Yams in der Westwüste somit zusehends möglich und attraktiv. Die Muster und Formen der in der Region während der Bronzezeit verwendeten Keramiken der Leiterband und Handessi Ware zeigen das die dort lebenden Menschen, trotz zunehmender Regionalisierung, immer noch in ein ganz Nordostafrika umfassendes Netzwerk eingebunden waren und somit auch als Mittelsmänner für die Beschaffung von Gütern aus weiten teilen Afrikas in Frage kommen.

Auch die geographischen Bedingungen werden von der Hypothese Yam in der Wüste westlich des Nil zu suchen erfüllt. Als kürzester Weg führt die vermutlich von Harkhuf begangene Route von Elephantine direkt durch die Wüste über die Oasen Kurkur, Dunqul und Selima dorthin. Bestätigend fanden sich entlang dieses Weges Spuren ägyptischer Aktivitäten aus dem Alten und Mittleren Reichs in Bir Kseiba und el-Shab.

Alternativ ist das Land über einen weit nach Westen ausholenden Weg über die Oasen und den Jebel Uweinat zu erreichen. Dieser bot den Vorteil das den Ägyptern nicht wohlgesonnene nubische Fürstentümer keine Möglichkeit zur Interferenz hatten.

Auch das Niltal wäre immer noch ein günstiger Weg nach Yam und insbesondere auch ein geeigneter Rückweg für nun schwerer beladene Karawanen.

Insbesondere läge in diesem Fall Yam noch nahe genug am Niltal um die Präsenz von einfachen Arbeitern und Söldnern einfach zu erklären. Ein verschwinden des Lebensraums der Menschen Yams könnte das langsame verschwinden des einst für die Ägypter zeitweilig so bedeutenden Landes aus dem kollektivem Gedächtnis befriedigend erklären.

Literatur 

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  • Cooper, J. (2012): Reconsidering the Location of Yam, JARCE 48, 1-21.
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  • O’Connor, D.  (1986): The Locations of Yam and Kush and their Historical Implications, JARCE 23, 27–50.
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